Biophilie, Bindung und Fürsorge in der Mensch–Hund-Beziehung

Eine bindungstheoretische und verhaltensbiologische Einordnung
Der Begriff Biophilie (Wilson, 1984) beschreibt die evolutionär verankerte Neigung des Menschen, sich lebendigen Systemen zuzuwenden. Diese Affinität wirkt unbewusst, schnell und körpernah – lange bevor kognitive Bewertungen einsetzen.
In der Mensch–Hund-Beziehung zeigt sich Biophilie insbesondere durch die unmnittelbare und nachweisbare Stressreduktion in Anwesenheit des Tieres (vorausgesetzt, es existieren keine Ängste), unser Parasympathikus wird aktiviert und somit setzt auch eine emotionale Beruhigung durch die Nähe eines anderen Lebewesens ein.
Ergänzend weisen Julius et al. darauf hin, dass ruhende Tiere einen dämpfenden Einfluss auf die menschliche Aktivierung haben.
Durch Domestikation haben Menschen archetypische Signale internalisiert, die unbewusst aktiviert werden. So entspannt uns der ruhige Atem eines schlafenden Hundes, während uns ein bellender Hund in Alarmbereitschaft versetzt und Gefahr suggeriert.
Diese intuitiven Reaktionen wirken präverbal und vorreflexiv und bilden eine wichtige Grundlage für emotionale Regulation in der Mensch–Hund-Interaktion.
Grundlagen und Kriterien sicherer Bindung
Die Bindungstheorie nach Bowlby beschreibt Bindung als ein emotionales Band, das insbesondere unter Stress aktiviert wird.
Damit eine Bezugsperson als sichere Bindungsfigur wahrgenommen wird, müssen vier zentrale Kriterien erfüllt sein:
- Nähe- und Kontaktsuche bei Stress
- Sicherer Hafen zur Beruhigung
- Sichere Basis für Exploration
- Trennungsreaktion und Wiedervereinigungsverhalten
Bindungsverhalten ist dabei kein Dauerzustand, sondern wird vor allem in belastenden oder bedrohlichen Situationen aktiviert.
Der Strange Situation Test als empirischer Hintergrund
Der Strange Situation Test (SST) nach Ainsworth wurde ursprünglich zur Untersuchung der Mutter-Kind-Bindung entwickelt. Er erfasst Reaktionen auf:
- Trennung von der Bezugsperson,
- Wiedervereinigung,
- Anwesenheit einer fremden Person.
In modifizierter Form wurde der SST auch auf Hunde übertragen (Topál et al.), wobei Hunde häufig bindungsähnliches Verhalten gegenüber ihren Bezugspersonen zeigen.
Übertragung auf die Mensch–Hund-Beziehung
Überträgt man dieses Paradigma auf die Mensch-Hund-Beziehung, zeigen sich spannende Überschneidungen mit dem ursprünglichen Bindungsverhalten. So empfinden die meisten Hundehalter:innen Traurigkeit, wenn sie längere Zeit von ihren Tieren getrennt sind und beginnen sie zu vermissen. Dies drückt sich allerdings nicht in intensiver Trennungsangst aus und mündet auch nicht in Protestverhalten, sondern zeigt sich moderater. Dennoch wird eine Wiedervereinigung emotional positiv erlebt, wenn auch ohne allzu starke Stressreaktionen.
Dies lässt folgenden Schluss zu:
In der Mensch–Hund-Beziehung sind nicht alle Bindungskriterien vollständig ausgeprägt, erlauben jedoch Rückschlüsse auf bindungsähnliche Funktionen.
Innere Repräsentanzen und emotionale Unterstützung durch den Hund
Auf der Ebene der inneren Repräsentanzen kann der Hund als Quelle emotionaler Unterstützung erlebt werden.
Er erfüllt dabei einzelne Funktionen sicherer Bindung. So kann er für emotionale Beruhigung sorgen und ein Gefühl der Verlässlichkeit vermitteln. Er ist sozial präsent, ohne seine Bezugsperson be- oder abzuwerten.
Gleichzeitig betonen Julius et al., dass die generalisierten und internalisierten Bindungsrepräsentanzen der Menschen in der Regel nicht vollständig auf die Mensch–Hund-Beziehung übertragen werden.
Es gibt jedoch Beobachtungen, die auf Ausnahmen hindeuten – dazu später mehr.
Warum Bindungsrepräsentanzen in der Mensch–Hund-Beziehung häufig unterbrochen werden
Die Autoren führen mehrere Gründe an, warum alte Bindungsschemata in der Beziehung zum Hund oft nicht aktiviert werden:
- Authentisches, wertschätzendes Verhalten des Hundes
Hunde reagieren unmittelbar, kongruent und ohne versteckte soziale Agenda. Nur in Ausnahmefällen – etwa bei übergriffigem Körperkontakt – entziehen sie sich oder reagieren mit Aggression, um Distanz zu schaffen. - Keine Erwartung negativer Bewertung
Menschen erwarten vom Hund weder Abwertung noch Zurückweisung ihres Seins. - Mentale Repräsentation der Andersartigkeit
Der Hund wird als „anders“ wahrgenommen – dadurch werden alte Beziehungsschemata erst gar nicht aktiviert.
Merkmale einer als sicher erlebten Beziehung zum Tier
Einige typische Merkmale können somit auf eine sichere Bindung zum Hund hindeuten. Dazu gehört der körperliche Kontakt, der von beiden Beziehungspartnern regelmäßig initiiert wird. Subjektiv wird eine Stressreduktion empfunden, die auch über die Oxytocinausschüttung und die Reduktion des Cortisolspiegels nachweisbar ist. Somit entsteht emotionale Nähe, ohne eine existenzielle Abhängigkeit.
Diese Effekte werden sowohl durch Biophilie als auch durch soziale Neurobiologie erklärt.
Das Fürsorgekonzept: Die komplementäre Perspektive
Bindungsverhalten und Fürsorgeverhalten sind komplementäre Systeme. In der Mensch–Hund-Beziehung ist der Mensch meist in der Rolle des Fürsorgenden, der sich um ein abhängiges Individuum kümmert.
Fürsorge wirkt dabei selbstbelohnend:
- das Beruhigen eines Lebewesens führt zu Entspannung,
- Füttern und Versorgen erzeugt Zufriedenheit,
- wahrgenommene Regulation verstärkt positive Affekte.
Das Fürsorgesystem entwickelt sich deutlich langsamer als das Bindungssystem und ist meist erst im Erwachsenenalter vollständig ausgeprägt. Aber auch schon Kinder zeigen Fürsorgeverhalten gegenüber Tieren oder im Rollenspiel.
Wechselseitigkeit und Forschungsstand
Das Verhalten in der Mensch–Hund-Beziehung ist wechselseitig, jedoch asymmetrisch. So zeigt er Hund häufig bindungsähnliches Verhalten. Durch das Machtgefälle und die (Versorgungs-)Verantwortung liegt das Fürsorgeverhalten eher beim Menschen.
Es existieren bislang kaum valide Daten zum Fürsorgeverhalten von Menschen gegenüber Tieren. Jedoch wurde mit dem Pet-owner Relationship Scale (PORS) bereits untersucht, wie die subjektive Wahrnehmung der Bindung mit den Nachteilen bzw. Kosten einer Haustierhaltung im Verhältnis stehen.
Die Annahmen der genannten Autoren beruhen vor allem auf Beobachtungen und theoretischer Integration.
Fürsorge ist unabhängig vom Bindungsstil möglich
Fürsorge gegenüber Tieren ist für viele Menschen leichter als gegenüber Menschen, weil:
- Tiere geringere Anforderungen stellen als Babys oder Kinder beispielsweise. Der zeitliche Aufwand ist vergleichsweise gering.
- kaum negative Feedbackschleifen entstehen, da Tiere in der Regel Kontakt jederzeit zulassen und weder be- noch abwerten.
- Reaktionen prompt, eindeutig und nicht indirekt erfolgen. Tiere machen keine Zuschreibungen oder fällen keine Urteile.
- das Anders-Sein des Hundes alte innere Repräsentanzen nicht aktiviert.
Beobachtete Ausnahmen: Wenn Bindungsrepräsentanzen doch übertragen werden
Die Autoren von “Bindung zu Tieren” weisen darauf hin, dass es vor allem unter Aktivierung des Stresssystems durchaus auch zur Übertragung der Bindungsrepräsentanzen kommen kann. Dies kann sich ganz unterschiedlich zeigen. So kann ein Mensch mit einer unsicheren Bindungsrepräsentanz von vornherein die bindungsähnliche Beziehung vermeiden und das Verhältnis zum Tier nur über Besitz- oder Nutzanspruch regeln. Das vermeidende Muster zeigt sich ähnlich mit Fokus auf der Arbeitsbeziehung, Trainingsleistung und tendenziell eher einer Abwertung der emotionalen Nähe. Bei Stress wird keine Nähe zum Tier gesucht. Die Fürsorge ist eher distanziert und die Bedürfnisse des Tieres werden weniger wahrgenommen oder abgewertet. Ganz anders beim Typ “ambivalente Bindung”. Die Person wird eher darauf bedacht sein, ständige Nähe aufrecht zu erhalten und ein überbehütendes Fürsorgeverhalten zeigen. Menschen mit einem desorganisiertem Bindungsmuster können somit schwanken zwischen einer extremen Verlustangst, Kontrolle über das Tier bis hin zur Aggression und Abwehr des Tieres. Entsprechend ambivalent zeigt sich das Fürsorgeverhalten.
Grundsätzlich gilt jedoch:
Bindungs- und Fürsorgerepräsentanzen werden meist nicht übertragen – können aber bei Stress reaktiviert werden.
Fazit
Die Mensch–Hund-Beziehung ist in der Regel keine vollständige Bindungsbeziehung, sondern eine Fürsorgebeziehung mit bindungsähnlichen Funktionen. Biophilie, neurobiologische Regulation und die besondere Andersartigkeit des Hundes schaffen einen Beziehungsraum, in dem emotionale Sicherheit erlebt werden kann, ohne alte Bindungsschemata zwangsläufig zu aktivieren.
Im Coaching oder in der Therapie kann dies genutzt werden, um korrigierende, emotionale Erfahrungen anzubahnen und sichere Nähe erfahrbar zu machen. Die Selbstwirksamkeit wird über die Fürsorge zum Tier gestärkt. Affektregulation kann konkret erlebbar gemacht und exploriert werden.
Unter Stressbedingungen kann es jedoch zur Übertragung innerer Repräsentanzen kommen – ein Aspekt, der für Forschung, Training und tiergestützte Arbeit hohe Relevanz besitzt.
Das gelebte Beziehungsverhalten wird somit sichtbar und kann bei tragender Beziehung zum Coach oder Therapeuten vorsichtig exploriert werden. Durch die Wahrnehmung von Übertragungen können neue Handlungsstrategien entstehen.
Quellen:
Julius, H., Beetz, A., Kotrschal, K., Turner, D. C., & Uvnäs-Moberg, K. (2014).
Bindung zu Tieren: Psychologische und neurobiologische Grundlagen tiergestützter Interventionen.
Göttingen: Hogrefe. Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E., & Wall, S. (1978).
Patterns of attachment: A psychological study of the Strange Situation.
Hillsdale, NJ: Erlbaum. Basierend auf Bowlby:)
Bowlby, J. (1969/1982).
Attachment and loss. Vol. 1: Attachment.
New York: Basic Book Topál, J., Miklósi, Á., Csányi, V., & Dóka, A. (1998).
Attachment behavior in dogs (Canis familiaris): A new application of Ainsworth’s Strange Situation Test.
Journal of Comparative Psychology, 112(3), 219–229.
https://doi.org/10.1037/0735-7036.112.3.219 Maddern, E. M., & Douglas, D. J. (2009).
The Pet Owner Relationship Scale (PORS): Development and psychometric evaluation.
Anthrozoös, 22(4), 349–361.
https://doi.org/10.2752/089279309X12538695316227