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Kennst du das auch?

Überverantwortung – Wenn Fürsorge zur Last wird

karin
Überverantwortung – Wenn Fürsorge zur Last wird

Kennst du das auch? Du fühlst dich ständig verantwortlich – nicht nur für dich selbst, sondern auch für andere. Für deinen Hund, deinen Partner, deine Familie oder sogar für das, was im Job schiefläuft. Du hast das Gefühl, alles im Griff haben zu müssen, und jede kleine Schwierigkeit lastet schwer auf deinen Schultern.

Wie Überverantwortung entstehen kann
Überverantwortung entwickelt sich oft schleichend. Häufige Auslöser sind:

  • Frühkindliche Erfahrungen: Wer gelernt hat, dass er nur dann geliebt oder anerkannt wird, wenn er sich kümmert, neigt später dazu, Verantwortung für alles übernehmen zu wollen.
  • Hochsensible Wahrnehmung: Wir nehmen die Bedürfnisse anderer sehr stark wahr und spüren intuitiv, wenn etwas nicht stimmt. Diese Wahrnehmung nimmt eventuell sogar mehr Raum ein, als unsere eigenen Bedürfnisse. Aus einer Helfer- oder Retterposition heraus übernehmen wir die Bedürfnisbefriedigung der anderen, ohne wirklich einen Auftrag zu haben und somit frei wählen zu können.
  • Angst vor Konflikten oder Fehlern: Wer das Gefühl hat, Fehler vermeiden zu müssen, übernimmt schnell Verantwortung, um Probleme vorher zu „managen“.
  • Der Hund als Spiegel: Unsere Hunde können emotional unsere Anspannung aufnehmen. Oft spüren wir, wenn wir überverantwortlich handeln, weil unser Hund unruhig oder angespannt reagiert.

Eine typische Situation:
Manchmal lassen wir unserem Hund keine eigene Einschätzung zu. Jede Entscheidung wird von uns abgedeckt: „Nicht da lang gehen, nicht das fressen, nicht das machen.“ In der Folge trifft der Hund keine eigenen, guten Entscheidungen mehr, weil er ständig kontrolliert wird.

Die Sache hat aber auch ein Gegenstück: In anderen Momenten reagieren wir gar nicht mehr, intervenieren nicht, lenken nicht, greifen nicht ein – und lassen die Situation über uns ergehen. Wir „überlassen“ alles dem Zufall oder dem Hund, oft aus Überforderung oder sogar Kapitulation heraus. Wir fühlen uns ausgelaugt, haben das Gefühl, nichts mehr kontrollieren zu können, und handeln deshalb gar nicht mehr.

Wichtig: Es geht hier nicht ums Hundetraining. Es geht allein um die menschliche Reaktion. Die Situation zeigt, wie unterschiedlich Überverantwortung sich äußern kann: entweder durch zu viel Kontrolle oder durch völlige Aufgabe der eigenen Verantwortung, weil wir uns überfordert fühlen. Beides ist ein Spiegel unserer inneren Haltung und unseres Umgangs mit Verantwortung.

Wie wir Überverantwortung überwinden können
Der Weg beginnt mit der Erkenntnis, dass Überverantwortung ein Thema bei uns sein kann. Im nächsten Schritt dürfen wir die eigenen Grenzen erkennen und anerkennen, dass jeder für sein eigenes Leben verantwortlich ist – auch der Hund im angemessenen Rahmen. Fürsorge bedeutet nicht alles regeln oder alles ertragen zu müssen, sondern im gesunden Rahmen zu handeln und Ambivalenzen auszuhalten.

  • Selbstreflexion: Fragen wir uns ehrlich: „Ist das meine Verantwortung oder die des anderen?“ – “Wessen Schuhe trage ich hier?”
  • Delegieren lernen: Verantwortung teilen oder Aufgaben abgeben, ohne Schuldgefühle zu entwickeln. Dies kann uns entlasten und für ein wenig Abstand sorgen.
  • Emotionale Abgrenzung üben: Gerade im Umgang mit sensiblen Hunden kann es helfen, bewusst die eigenen Gefühle zu regulieren, bevor sie uns als Team beeinflussen. Gleiches gilt natürlich im Kontakt mit anderen Menschen.
  • Akzeptanz von Fehlern: Fehler gehören zum Leben. Sie machen weder dich noch andere schlechter – sie bieten Lernmöglichkeiten. Können wir uns die Erlaubnis geben, Fehler zu machen?

Ein erster Schritt
Ein kleiner, aber wirksamer Schritt: Wähle eine Situation bewusst aus, in der du normalerweise entweder alles kontrollierst oder gar nicht reagierst. Beobachte deine eigenen Gedanken und Gefühle – ohne den Hund zu bewerten oder zu korrigieren. Erlaube dir, bewusst loszulassen oder bewusst zu handeln, statt automatisch zu kapitulieren oder zu übersteuern. Dies kannst du auch in der sogenannten Nachschau machen. Erinnere eine Situation, in der du im Nachhinein gerne anders gehandelt hättest. Stell dir vor, du holst diese vergangene Situation auf eine Leinwand. Du kannst beliebig oft vor- oder zurückspulen, Elemente hinzufügen oder wegnehmen. Solange, bis die Situation für dich passt. Sieh dir diesen Film vor deinem geistigen Auge mehrmals an. Schreibe ihn gerne als Drehbuch auf. Wenn du ganz sicher bist, das die Situation zu deiner Zufriedenheit geklärt wurde, tauche ein als Protagonist und erlebe dich in deinem eigenen Film.

Überverantwortung ist ein Muster, das wir oft ein Leben lang mit uns tragen. Mit kleinen, bewussten Schritten können wir lernen, loszulassen, gesunde Grenzen zu setzen und echte Fürsorge zu leben – ohne dass sie uns belastet.

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